Die Geschichten von La Recoleta & La Boca

Wir hatten die letzten drei Tage Besuch von Janine. Sie ist aus Santiago de Chile eingeflogen und wir mussten uns heute bereits wieder verabschieden ;(. Janine und ich kennen uns durch meinen letzten Arbeitgeber Farner und sie verbringt gerade einige Monate in Chile. Wir werden sie Ende März in Santiago wiedersehen :D.

Diese Tage nutzen wir, um den Stadtteil La Boca zu erkunden. Um 11 startet die BA Free Walks Tour für La Boca und wir verpassten den Zeitpunkt obwohl wir eine Stunde früher von zu Hause losmarschiert sind. Wir müssen einmal umsteigen und erreichen den Stadtteil La Boca kurz vor 11 Uhr. Der Treffpunkt ist ziemlich weit weg von der Station und wir brauchen über 30 Minuten bis wir dort sind. Jedoch haben wir Glück und finden die Gruppe des Free Walks und dürfen uns noch dazu gesellen. Die Geschichte des Viertels ist sehr interessant. Hier lebten die Einwanderer (vor allem Italiener und Spanier) ab ihrer Ankunft in Buenos Aires und arbeiteten im Hafen (bis zu 17h am Tag…). Da sie keine Baumaterialien zur Verfügung hatten, nahmen sie das was sie bei ihrer Arbeit fanden um die Häuser zu bauen. Also z.B. Wellblech, welches dann mit Farbe angestrichen wurde. Die Häuser wurden um einen Innenhof herum gebaut wo auch die Gemeinschaftsküche und die Toilette war. Bis zu 40 Familien lebten so zusammen. Wir können uns sehr gut vorstellen wie heiss es in den Blechhäusern war und bis heute ist, denn es leben nach wie vor Leute in diesen Bauten. La Boca ist bis heute ein Quartier in welchem sehr viele arme Leute leben. Der Tango wurde hier geboren, allerdings hatte er damals nichts mit unserer heutigen eher romantischen und erotischen Sicht auf den Tanz zu tun. Es gab unter den Einwanderern hauptsächlich Männer (Frauen waren «Mangelware» und wenn gab es häufig nur Prostituierte) und so wurde der erste Tango zwischen zwei Männern getanzt. Zudem war es ein Tanz-Kampf (Battle) der getanzt wurde um sich in Geschicklichkeit (Bein stellen mit den Fussbewegungen) und Können zu messen. Die Musik dazu kam von den Instrumenten welche die Einwanderer aus ihrer Heimat mitgenommen hatten (Geigen, Akkordeon etc.). Der Tango passte der Argentinischen Upperclass nicht und er wurde verboten. Erst als die Europäer den Tango zu lieben begannen und mit der Schallplattenaufnahme des ersten Tango-Liedes mit Text «Mi noche triste» von Carlos Gardel 1917 wurde der Tango langsam auch für die argentinische Upperclass salonfähig.

La Boca ist ein sehr geschichtsträchtiges Viertel und wir werden einmal mehr mit der nicht sehr schönen Vergangenheit und Gegenwart von Buenos Aires konfrontiert. Die Tour endet am Boca Juniors Stadion wo unschwer zu erkennen ist, wie wichtig Fussball hier ist 😉.

Tango: https://de.wikipedia.org/wiki/Tango_Argentino
La Boca: https://de.wikipedia.org/wiki/La_Boca (Deutsch); https://es.wikipedia.org/wiki/La_Boca (Spanisch)

La Recoleta
Der Friedhof steht mit dem Besuch von Janine natürlich nochmals auf dem Plan. Dieses Mal machen wir um 15 Uhr die BA Free Walks Tour durch den La Recoleta Friedhof. Den Guide kennen wir bereits, es ist Fernando, der mit uns auch die Recoleta Tour gemacht hat. Zwei Stunden lang streunen wir durch den Friedhof, lernen über die Statuen, was sie uns sagen wollen und die Geschichten hinter den Menschen, die hier begraben liegen.

Wir stehen vor einem Mausoleum mit der Statue einer jungen Frau, welche in einem Nachthemd vor einer Tür steht. Fernando erzählt uns die Geschichte von einer jungen Frau (Rufina Cambaceres). Ihr Vater war verstorben und ihre Mutter (eine Tänzerin, was damals mit einer Prostituierten gleichgestellt wurde), hatte Beziehungen mit verschiedensten Männern (die Charmante Art zu sagen, dass sie sich prostituierte) um sich und die Tochter zu ernähren (vermuten wir zumindest). Einer davon hatte auch ein Auge auf Rufina geworfen und unterhielt sich jeweils mit ihr, wenn er auf die Mutter wartete. Rufina war ihm offenbar sehr zugetan und hatte keine Ahnung, dass der Mann auch der Liebhaber ihrer Mutter war. Sie war überzeugt, dass er sie liebte und sie ihn heiraten würde. Eine Freundin erzählte ihr dann, was für eine Verbindung der Mann zu ihrer Mutter hatte und Rufina brach darauf, am Tag ihres 19ten Geburtstages (1902) zusammen und hörte auf zu artmen. Man sagte, dass sie an einem gebrochenen Herzen gestorben sei und beerdigte sie noch am gleichen Abend auf dem Friedhof La Recoleta. Dies alles würde noch nicht erklären wieso sie eine so pompöse Grabstätte erhalten hat. Es ist also anzunehmen, dass noch mehr hinter dieser Geschichte steckt. Einen Tag nach der Beerdigung kontaktierte ein Friedhofsmitarbeiter die Familie. Der Sarg war bewegt worden. Die Familie kam zwar vorbei um sich die Situation anzuschauen, schob den Sarg jedoch einfach wieder an den «bisherigen» Platz und damit war es für sie erledigt. Rufinas Grossmutter, die vier Wochen später aus Frankreich angereist kam um ihre Enkelin zu verabschieden, besuchte die Grabstätte und verlangte, dass sie den Leichnam sehen kann. Als der Sarg geöffnet wurde bekam sie erschreckendes zu sehen. Rufina lag auf dem Bauch und der Sarg war überall zerkratzt. Offenbar war Rufina noch am Leben als sie beerdigt wurde und hatte versucht sich aus dem Sarg zu befreien. Aus Schuldgefühlen wurde dann die Statue erstellt. Solche Geschichten gibt es am Laufmeter und wenn man sich beim Betrachten der Statuen und Gräber etwas genauer anschaut kann man daraus ziemlich viel interpretieren. Natürlich sind nicht alle dieser Geschichten wahr und mit der Zeit dichten die meisten das eine oder andere Detail dazu. Was sicher stimmt ist, dass Rufina mit 19 gestorben ist und die Umstände ihres Todes sehr seltsam waren.

Wir machen uns auf den Heimweg und geniessen später ein Abendessen im Restaurant Don Julio mit super leckerem Gemüse und Rindsfilet «schlabber».

 

Sibylle ZurbriggenComment