Walking Tours City Center & Recoleta

Am Montag, 22. Januar machten wir unsere erste Free Walking Tour. Guides begleiten eine Gruppe von interessierten Leuten durch Teile der Stadt und am Schluss der Tour bekommt der Guide von jedem Teilnehmer soviel Geld wie diesem die Tour wert war. Heute steht bei uns die BA City Center Tour auf dem Plan. Treffpunkt ist um 15 Uhr vor dem Kongressgebäude. Unser Guide ist Martín, in Buenos Aires geboren und 36 Jahre alt. Er hat an der Universität studiert und verdient sich heute sein Geld als Tour Guide (ob er nur das macht oder noch etwas anderes wissen wir per dato nicht). Auf jeden Fall ist er mit viel Temperament und Herz dabei. Er bringt uns die Geschichte von Buenos Aires mit all seinen Facetten näher und führt uns drei Stunden durch die Stadt. Wir erfahren viel über Dante und den Palacio Barolo, welcher eine Hommage an Dantes «Divine Comedy» ist. Das UG und EG bilden dabei die Hölle, der 1 bis 14 Stock das Fegefeuer und der 15 bis 22 Stock den Himmel. In dem Gebäude gibt es keinen Lift der bis ganz nach oben fährt. Alle müssen im 14 Stock aussteigen um in den «Himmel» zu gelangen. Interessanterweise wird das Gebäude auch gerne für Hochzeiten gemietet (welche tendenziell nicht im Himmel stattfinden…).

Der Schluss an der Plaza de Mayo wird dann ziemlich emotional. Wir erfahren von der sehr blutigen Geschichte von Buenos Aires und der Rolle der Plaza de Mayo. Martín will uns erklären, warum der Regierungspalast eingezäunt ist und die Polizeiblockaden seit 16 Jahren auf dem Platz stehen. Er erzählt uns von 2001, als die Wirtschaft ein weiteres Mal kollabierte und die Regierung ein Statement verlas, dass die Banken dazu angehalten sind, den Bürgern ihr Erspartes nicht auszuzahlen. Die Bürger protestierten indem sie ihre Pfannen in die Hände nahmen und damit an die Wände (oder was gerade in der Nähe war) schlugen und mit dem Lärm gegen die Regierung protestierten. Am Abend wurde die nächste Bekanntmachung der Regierung verlesen: Ansammlungen von mehr als zwei Personen in den Strassen werde als ein Protest angesehen, worauf die Personen sofort verhaftet würden.  Er war damals 20 und wenn sich die Argentinier heute etwas nicht mehr gefallen lassen, dann ist es das Verbot zur Demonstration. Daher war er als Zwanzigjähriger inmitten aller Protestierenden auf der Plaza de Mayo. Die Regierung behauptete später, dass es Aufwiegler gab und die Polizisten daher mit Gewalt gegen die Menge vorgingen. Martín erzählt uns, was er mit eigenen Augen gesehen hat. Natürlich wissen wir nicht, ob sich alles so zugetragen hat oder nicht, aber diese Geschichte auf dem Platz zu hören ist schockierend und macht uns sehr nachdenklich.  Ich habe nach der Tour vieles im Internet nachgelesen und kann dies jedem empfehlen. Ich werde das was wir gehört haben auf dem Blog nicht erwähnen, füge euch unten aber einige Links zu entsprechenden Artikeln ein.

Nach der Tour treffen wir unter den anderen Teilnehmern drei Schweizer, welche ebenfalls auf Reisen sind und einen befreundeten Argentinier aus Córdoba. Wir tauschen Erfahrungen aus und gehen alle zusammen ein Bier trinken. Ein versöhnlicher Abschluss des Tages.

Internetlinks zum Thema:
https://de.wikipedia.org/wiki/Desaparecidos
https://de.wikipedia.org/wiki/Argentinische_Milit%C3%A4rdiktatur_(1976%E2%80%931983)
http://www.deutschlandfunk.de/argentinien-auf-der-suche-nach-den-geraubten-enkeln.724.de.html?dram:article_id=356939
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8810398.html

Am Dienstag, 23. Januar machen wir die Recoleta City Tour mit BA Free Walks, welche um 10.30 Uhr mit der Besammlung beim Teatro Colón beginnt. Unser heutiger Guide heisst Fernando und er erzählt uns viel über die Statuen und Gebäude der Stadt sowie über Geschichte, Kultur und Helden. Und er informiert uns, dass die riesigen Bäume, welche Marco und mich so faszinieren, tatsächlich Gummibäume sind! Einer davon steht in der Nähe des Friedhofs La Recoleta und er ist über 200 Jahre alt 😊.

Es gibt eigentlich fast nirgends auf der Welt soviel Statuen und Monumente wie in Buenos Aires. Dies ist uns auch bereits aufgefallen z.B. im Rosengarten und im Botanischen Garten. Viele Helden und auch nicht so wirkliche Helden haben in Buenos Aires eine Statue erhalten. Zum Beispiel steht eines der drei Originale von Rhodins «Der Denker» tatsächlich in einem Park in Buenos Aires (wir haben diese gestern auf unserer City Tour mit eigenen Augen gesehen). Leider konnten wir uns nicht alle Namen der Personen merken, welche Fernando erwähnt, denn es waren SEHR viele… Auf jeden Fall waren die Argentinier im Aufstellen ihrer Denkmäler sehr clever und strategisch unterwegs. Kaum eines steht zufällig an dem Ort wo es ist.

In Buenos Aires wurden ganze Wohngebiete abgerissen und mit Palästen und Häusern neu bebaut, welche die Europäische Bauweise aus Paris, Rom und London übernahmen. Alles musste aber grösser und eindrücklicher sein und nur das beste Material durfte verwendet werden. Daher logieren heute die Botschaften verschiedenster Länder in den Palästen von damals, da sich eigentlich keine Privatperson mehr leisten kann diese entsprechend in Stand zu halten. Es wird in dieser Stadt sehr viel Wert auf Prestige gelegt – zumindest von den paar sehr reichen Familien – und wo kann man diesen Wahn weiter fortführen? Auf dem Friedhof, wo diese Tour dann auch endet. Der Friedhof La Recoleta mit Mausoleen und Grabmälern die einen staunen und den Kopf schütteln lassen. Wir werden den Friedhof morgen nochmals besuchen und verabschieden uns hier von unserem Guide.

Inzwischen ist es 14.30 Uhr und wir wollen heute noch ein bisschen Bargeld wechseln. Nachdem unser erster Trip zur Wechselstube gestern daran gescheitert ist, dass wir unsere original Pässe zu Hause und nur eine Kopie dabei hatten… Dies ist ein wichtiger Reisetip: Bei Wechsel und sonstigen offiziellen Geschäften (auch beim Kauf einer SIM-Karte) braucht es ZWINGEND das Original des Ausweises. Auch bei Zahlung mit Kreditkarte wird in den Läden ein Ausweis verlangt. Je nachdem wie genau es die Kassierer nehmen akzeptieren sie eine Kopie oder eben nicht. Dieses Mal klappt es und wir sind nach über einer Stunde Wartezeit, welche wir mit südamerikanischer Ruhe und Gelassenheit gut überstehen (im Gegensatz zum russischen Kollegen der entnervt schon vor dem Eingang das Weite sucht) spazieren wir mit einer Hand voll ARS wieder raus.

Wir genehmigen uns an einer Ecke einen eisgekühlten grünen Super Smoothie und steigen dann in die schwülheisse U-Bahn hinunter, welche uns in unser Viertel Palermo bringt. Dort gönnen wir uns in einem Restaurant einen Chicken Wrap und einen Cesar’s Salad sowie je ein Bier und lassen den Tag ausklingen.